top of page

Priorisierungskandidaten für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit

Kooperation Global
vor 3 Stunden
5 Min. Lesezeit

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit steht vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits steigen die globalen Bedarfe, andererseits erfordern Haushaltskonsolidierungen eine noch präzisere Steuerung begrenzter Ressourcen. Es ist quasi eine entwicklungspolitische Triage-Situation, in der beachtet werden muss, dass sich die Wirksamkeit zwischen einzelnen Programmen und Maßnahmen erheblich unterscheidet: Manche Interventionen erzielen pro eingesetztem Euro ein Vielfaches mehr an Wirkung und Nutzen als andere.

Kooperation Global hat in einem Forschungsprojekt die Haushaltstitel der deutschen Entwicklungszusammenarbeit analysiert, um auf Basis rigoroser Evidenz solche herausragenden Priorisierungskandidaten zu identifizieren. Es sind Titel und Programme, die bei knapper werdenden Mitteln aus Evidenz- und Wirksamkeitsperspektive besonders schützenswert sind oder idealerweise aufgestockt werden sollten.

Methodische Grundlage ist ein einheitlicher Prüfrahmen aus fünf Kriterien: Fokus auf einkommensschwache Länder (LICs/LMICs), positive internationale (unabhängige) Evaluationen, rigorose Evidenz zur Wirksamkeit und Kosteneffektivität der eingesetzten Instrumente, Nennung in etablierten Smart-Buy-Listen sowie Replizierbarkeit & Skalierbarkeit.


Die Priorisierungskandidaten auf einen Blick


Titel/Programm

Themenfeld

Kernbefund

EP23-Empfehlungen

Gavi, die Impfallianz

Globale Gesundheit

Bis zu 54 USD Nutzen pro 1 USD Impfinvestition; einer der meistzitierten globalen Health Smart Buys

idealerweise Titel Aufstocken / mindestens Budget erhalten

Global Fund (GFATM)

Globale Gesundheit

ca. 70 Mio. gerettete Leben seit 2002; starke externe Bewertungen (MOPAN, QuODA)

Aufstocken / erhalten

Global Partnership for Education

Grundbildung

Nahezu 100% Fokus auf die ärmsten Länder, umfassend dokumentierte Smart-Buys mit Skalierungspotential

Erhalten und idealerweise erhöhen

IFAD

Ländliche Entwicklung & Ernährung

Platz 1 QuODA-Ranking (CGD); konsistent belegte Wirkungen auf Haushaltseinkommen und Produktivität

Auf Niveau vergleichbarer europäischer Geber anheben

KWI-Titel (insb. Übergangshilfe)

Krisen-bewältigung & Wiederaufbau

Eines der am stärksten evidenzierten Felder der deutschen bilateralen EZ; –39% Kürzung trotz wachsendem Bedarf

Mindestens auf 2026-Niveau erhalten

WFP

Ernährungssicherung im Krisenkontext

Cash-Transfers (35% des WFP-Maßnahmenvolumens) zählen zu den am besten belegten Interventionen

Erhalten und idealerweise erhöhen

GPEI

Globale Gesundheit

Tier-1-Evidenz für Wirksamkeit der Impfstoffe; Eradikation ist kostengünstiger als nötige Kontrollmechanismen

Überproportionale Kürzungen zurücknehmen

CGIAR

Internationale Agrarforschung

Wissenschaftlich belegter ROI von mind. 10:1; Forschungsergebnisse sind nicht-patentierbare globale Güter

Erhalten und idealerweise erhöhen


  1. Gavi, die Impfallianz

    Gavi ist eine öffentlich-private Partnerschaft, die in über 70 Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen nationale Impfprogramme mitunterstützt und seit Gründung im Jahr 2000 mehr als eine Milliarde Kinder erreicht hat. Rigorose, kausal identifizierende Schätzungen beziffern die seit 2000 abgewendeten Todesfälle auf über 1,5 Millionen bei Kosten von ca. 3.500–7.700 € pro gerettetem Leben — einer der niedrigsten Werte in der gesamten EZ. Das BMZ sollte die Beitragssumme idealerweise erhöhen und sich für eine Schließung der aktuellen Finanzierungslücke von 2,3 Mrd. USD in der Gavi-6.0-Runde einsetzen. Kurzfassung herunterladen | Hintergrunddokument herunterladen


  1. Global Fund to Fight AIDS, TB and Malaria (GFATM)

    Der Globale Fonds finanziert Programme zur Bekämpfung von HIV/AIDS, Tuberkulose und Malaria in über 100 Ländern und hat seit 2002 mehr als 70 Millionen Menschenleben gerettet sowie die Sterblichkeitsrate der drei Krankheiten um 63% reduziert. Jeder investierte Dollar generiert laut Investment Case der 8. Wiederauffüllung 19 Dollar an wirtschaftlichem Ertrag; im QuODA-Ranking belegt der Fonds Rang 1 in der Dimension Priorisierung. Die seit 2022 um fast 40% gesunkenen deutschen Kernbeiträge werden laut Modellrechnungen des Fonds ca. 750.000 zusätzliche vermeidbare Todesfälle zur Folge haben — das BMZ sollte mindestens auf das Niveau der 7. Wiederauffüllung (1,3 Mrd. €) zurückkehren. Kurzfassung herunterladen | Hintergrunddokument herunterladen

  2. Global Partnership for Education (GPE)

    Die Global Partnership for Education (GPE) ist der weltweit größte Fonds, der sich vollständig der Transformation von Bildungssystemen in einkommensschwachen Ländern widmet, um allen Kindern eine qualitativ hochwertige Bildung zu ermöglichen. Rigorose Meta-Analysen und Übersichtsstudien bestätigen vor allem Structured Pedagogy und Teaching at the Right Level als enorm kosteneffektive und wirksame Interventionstypen. Ihr Kosten-Nutzen-Verhältnis liegt bei 1:105 und 1:65. Das BMZ sollte seine Beiträge mindestens auf die Beiträge der vorherigen Finanzierungsrunde anheben. Kurzfassung herunterladen | Hintergrunddokument herunterladen

  3. Internationaler Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD)

    IFAD ist eine multilaterale Entwicklungsorganisation mit Hauptfokus auf ländliche Transformation und kleinbäuerliche Betriebe. Im QuODA-Ranking des Center for Global Development belegt IFAD Platz 1 unter 49 bewerteten bilateralen und multilateralen Gebern; MOPAN bewertet 11 von 12 KPIs als zufriedenstellend oder besser. IFAD führt systematisch Wirkungsanalysen unter Einbeziehung von Kontrollgruppen durch, viele seiner Maßnahmen sind in wissenschaftlichen Meta-Analysen und Systematic Reviews in ihren Effekten rigoros evidenziert. Deutschland liegt mit seinem aktuellen Kernbeitrag hinter vergleichbaren europäischen Gebern wie Frankreich und den Niederlanden und sollte ein stärkeres Engagement in Erwägung ziehen. Kurzfassung herunterladen | Hintergrunddokument herunterladen

  4. KWI-Titel: Krisenbewältigung, Wiederaufbau und Infrastruktur

    Der Titel „Krisenbewältigung, Wiederaufbau und Infrastruktur" (KWI) finanziert unter anderem die strukturbildende Übergangshilfe (ÜH) – das zentrale Nexus-Instrument des BMZ an der Schnittstelle von humanitärer Hilfe und langfristiger EZ. Die ÜH nimmt eine Vorreiterrolle in der evidenzbasierten Steuerung ein: BMZ und GIZ haben hier eine Evidenz-Checkliste entwickelt, die Interventionstypen nach Wirkungspotentialen einordnet. Cash Transfers und der Graduierungsansatz – beide mit höchster Evidenzkategorie – werden hier häufig angewendet. Zugleich soll der KWI-Titel laut Kabinettsentwurf 2027 um rund 39% gekürzt – mehr als sechsmal so stark wie der Gesamthaushalt des BMZ. Dies widerspricht dem Anspruch des BMZ als „Wiederaufbau-Ministerium". Kurzfassung herunterladen | Hintergrunddokument herunterladen

  5. World Food Programme (WFP)

    Das WFP ist die weltweit größte humanitäre Organisation (Friedensnobelpreis 2020) und erreichte 2025 ca. 121 Millionen Menschen in 125 Ländern, wobei rund 92% der Mittel in LICs und LMICs fließen. Kerninstrumente wie unkonditionale Bargeldtransfers (35% der WFP-Maßnahmen) gehören zu den robustesten belegten Instrumenten der EZ. Das BMZ sollte den Kernbeitrag für das WFP mindestens auf dem 2026-Niveau von 40 Mio. € halten, und die Fragmentierung seiner Beiträge an das WFP verringern. Kurzfassung herunterladen | Hintergrunddokument herunterladen

  6. Die Globale Initiative zur Ausrottung der Poliomyelitis (GPEI)

    GPEI ist eine öffentlich-private Partnerschaft zur gezielten Ausrottung der Poliomyelitis (Kinderlähmung) mit Fokus auf Länder niedrigen und mittleren Einkommens. Seit ihrer Gründung 1988 ist die Zahl der Lähmungsfälle um 99,9% zurückgegangen – über 20 Millionen Menschen können heute laufen, die sonst gelähmt wären. Von GPEI unterstützte Immunisierungsmaßnahmen sind in ihrer Wirksamkeit robust belegt; eine Eradikation ist der dauerhaften Kontrolle von Ausbrüchen unter Kosteneffektivitätsgesichtspunkten überlegen. Die im Kabinettsentwurf vermerkte überproportionale Kürzung bei der GPEI sollte daher zurückgenommen werden. Fallstudien zu GPEI werden demnächst veröffentlicht.

  7. Die Beratungsgruppe für internationale Agrarforschung (CGIAR)

    CGIAR ist das größte öffentliche Agrarforschungsnetzwerk der Welt. Es umfasst 15 Forschungszentren auf fünf Kontinenten, überwiegend in Ländern niedrigen und mittleren Einkommens. Forschungsergebnisse aus CGIAR sind allgemein zugänglich, werden nicht patentiert und stehen damit als globale öffentliche Güter zur Verfügung. Die Evidenzlage zur Wirksamkeit der durch CGIAR ermöglichten Agrarforschung ist robust: Eine Metaanalyse sämtlicher verfügbarer Rückflussschätzungen kommt für Investitionen von rund 60 Mrd. US-Dollar Barwert auf ein aggregiertes Nutzen-Kosten-Verhältnis in der Größenordnung von 10:1, ohne Anzeichen abnehmender Grenzerträge. Beiträge an CGIAR sollten nicht gekürzt sondern idealerweise aufgestockt werden. Fallstudien zu CGIAR werden demnächst veröffentlicht.

    Fazit: Evidenzbasierte Priorisierung als Antwort auf Budgetdruck

    Alle Priorisierungskandidaten vereint, dass sie im Vergleich zu alternativen Programmen und Maßnahmen mit vergleichbarer Zielsetzung herausragende Wirkungen erreichen. Diese sind durch rigorose und externe Evidenz belegt. Für rigorose Analysen der Kosteneffektivität muss sich im Allgemeinen die (öffentliche) Datenlage noch verbessern, doch auch hier legen zumindest Indizien nahe, dass die identifizierten Priorisierungskandidaten aktuell „Best-in-Class“ sind.

    Kooperation Global hat seine Analysen auf öffentlich verfügbare Daten gestützt. Etwaige Limitationen haben wir in jeder Fallstudie gesondert ausgewiesen. Grundsätzliche Herausforderung ist, dass viele Titel im Einzelplan 23 eine hohe Heterogenität und Fragmentierung haben, und die Zuordnung bekannter Programme und Maßnahmen zu Haushaltstiteln öffentlich nicht immer eindeutig ist. Dies erschwert die Attribution besonders wirkungsvoller Maßnahmen auf Titelebene. Für spezifisch deutsche Maßnahmen der Entwicklungszusammenarbeit gibt es zudem oft noch einen relativen Mangel an strukturierten und rigorosen Wirkungsevaluierungen. Maßnahmen wie das RIE-Förderprogramm sind daher sehr zu begrüßen. Ein daraus erwachsender Wissensschatz kann unser Wissen über die Wirksamkeit der deutschen EZ und die besten zukünftigen Ansätze nur verbessern. In einem Umfeld weltweit sinkender entwicklungspolitischer Budgets ist die Fähigkeit, knappe Mittel dorthin zu lenken, wo sie nachweislich die größtmögliche Wirkung erreichen, eine politische, strategische und moralische Verpflichtung. 

    Unsere Methodologie ist offen und transparent und wir freuen uns über fachliche Einwände und weiterführende Gespräche im Sinne einer noch stärker evidenzbasierten und wirkungsorientierten Entwicklungszusammenarbeit zum Wohle Deutschlands und der Welt.

bottom of page